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Autos - Arbeit - Ausländer - Arbeitsmigration im Audi Werk Neckarsulm (Buchbesprechung)
Holger Merten - 30. Januar 2012 |
„Made in Germany - done by migrants.“ Das deutsche Wirtschaftswunder. Ohne „Gastarbeiter“ bei NSU unmöglich. Diese Erkenntnis für den Audi Standort Neckarsulm haben den Historiker Arnd Kolb drei Jahre Recherche und Arbeit gekostet. Im Buch "Autos - Arbeit - Ausländer: Die Geschichte der Arbeitsmigration des Audi Werks Neckarsulm " können die Ergebnisse jetzt in übersichtlcher Form genossen werden.
Mit seinem akribischen Vorgehen hat Kolb einen Pionierband zur Unternehmensgeschichte bei Audi abgeliefert. Er zeichnet die Beschäftigung von Ausländern, die anfangs der 60er Jahre bei NSU einsetzt, über die letzten 50 Jahre nach. Die „Gastarbeiter“ - bisher von der Automobilhistorie ausgeblendet - geraten hier sozialgeschichtlich als auch werksgeschichtlich in den Fokus. Migrationsgeschichte als Teil der Unternehmensidentität.
Bei NSU, wo man sich um 1960 zum Wandel vom weltgrössten Zweiradhersteller zum Automobilhersteller entschliesst, ist kein Kapital für Investitionen in neue Produktionsanlagen vorhanden. Ergo investiert man in Arbeitskräfte, die im boomenden Deutschland der 60er Jahre und speziell am Neckar nicht vorhanden sind. „Zuwanderungswillige“ Ausländer ersetzen das fehlende Kapital bei NSU und bieten dem Traditionsunternehmen die Möglichkeit, seine Produktion und damit seine Marktbedeutung auszuweiten.
Kolb liefert aber nicht nur die Standortgeschichte, auch werks- und sozialgeschichtlich geht er den Konsequenzen sowohl für Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer - deutsche wie Migranten - nach. Der Zuzug ungelernterArbeitskräfte bedeutet für die deutschen Kollegen Aufstiegsmöglichkeiten, schmutzige und anstrengende Produktionsbereiche werden bald zu 100% von den ausländischen Kollegen bewältigt. Daneben zeichnet der Autor ein facettenreiches Bild für das Alltagsleben in Neckarsulm. Wo und wie haben die „Gastarbeiter“ gelebt? Wie reagierte die Bevölkerung? Wie verbrachte man die Freizeit und wann wollte man Deutschland wieder verlassen?
Innerhalb von 10 Jahren steigt der Ausländeranteil bei Audi NSU im Jahr 1973 bei rekordverdächtigen 43 %. Erste Familien werden gegründet oder nachgezogen, die „Gastarbeiter“ richten sich ein. Und plötzlich rückt die Ölkrise und die damit verbundene Rezession die vielen unerledigten sozialpolitischen Hausaufgaben in den Mittelpunkt des Interesses von Wirtschaft, Politik und Medien. Wie soll, wie kann es weitergehen?
Kolb hat über 40 Interviews mit Zeitzeugen geführt und in mehreren Archiven recherchiert, bevor er ein umfassendes Bild der Menschen mit Migrationshintergrund bei NSU abliefert. Dabei vergisst er nicht, nach den Interessen in Ingolstadt oder Wolfsburg zu schauen, diese einzuordnen und der Haltung der Gewerkschaften nachzuspüren.
Fazit: Eine spannend geschriebene Studie, die sich dank des ausgewerteten Materials zu einer einzigartigen Dokumentation über Ausländer am Audi Standort Neckarsulm zusammen fügt. Und mit dem Mythos aufräumt, dass das Deutsche Wirtschaftswunder ein rein deutsches sei.
Die bibliographischen Angaben
Arnd Kolb, "Autos - Arbeit - Ausländer: Die Geschichte der Arbeitsmigration des Audi Werks Neckarsulm ", Delius Klasing, 2011, 192 Seiten, 43 Farbfotos, 163 S/W Fotos, 18 farbige Abbildungen, 5 S/W Abbildungen, ISBN: 978-3768833769, Preis: 19,90 EUR.









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